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Die verschwundene Arbeit
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Die verschwundene Arbeit
11.07.2010
Feilenhauer, Putzmacherin oder Senfmüller - viele Berufe, die heute kaum noch jemand kennt, waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts weitverbreitet. Im Nebeneinander einer neuen industrialisierten Fabrikwelt vor ihrer Vollautomatisierung und einem alten, handwerklich geprägten Kleingewerbe existierte eine Vielzahl an Erwerbstätigkeiten, über die wir heute nur staunen können. Die fortschreitende Technisierung, Rationalisierung und Konzentration aller Lebensbereiche haben dafür gesorgt, dass sie inzwischen alle verschwunden sind oder allenfalls ein Nischendasein fristen. Man denke nur an die Telefonistinnen in den Postämter, das Heer der Fabrikarbeiter bei Simens und Halske, Borsig oder AEG, an die vielen Mädchen, die als Dienstbotinnen in Stellung waren, oder die zahllosen Angestellten allein in der Brauerei Schultheiss.
Ein keinesfall marginales Feld solcher Erwerbsarbeit war im 19. und selbst noch im 20. Jahrhundert die Heimarbeit. Sie war kaum geeignet, den Lebensunterhalt einer Familie zu sichern, sondern konnte höchstens ein Zubrot zum meinst geringen Verdienst des Mannes oder einer knappen staatlichen Unterstützung sein.
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Heimarbeit wurde nicht nur in Berlin zu drei Vierteln von Frauen und Mädchen ausgeübt, typischerweise im Bekleidungsgewerbe. Oft war die ganze Familie einschließlich der minderjährigen Kinder beteiligt, bezahlt wurde nur gut gearbeitete Ware, eine soziale Absicherung gab es nicht. Der Arbeitgeber musste keine Arbeitsräume stellen, Ausschuss verursachte ihm keine Kosten und er konnte nach Gutdünken Arbeiter heuern und feuern. Heimarbeit dieser Art existiert auch heute noch, aber bei weitem nicht in dem Umfang wie in früheren Zeiten und in anderer Form. Interessanterweise gibt es heute wieder eine renaissance der Heimarbeit. Einerseits als Bestandteil neuer Arbeitsmodelle, in denen die Anwesenheit im Betrieb durch das Büro zuhause mit Internetanschluss ersetzt wird, zum anderen in ähnlich prekärer Form wie oben beschrieben, nämlich in Form der "festen Freien" hauptsächlich im Medien- und Kulturbetrieb.
Teile eines anderen Berufsfeldes wurden von technologischen Entwicklungen langsam in ein Nischendasein verdrängt: das Handwerk. Mit der Erfindung des Fließbandes in den 1920er-Jahren wurden industrielle Massenproduktion und umfassende Rationalisierungsprozesse eingeleitet, welche auch vor dem Handwerk nicht haltmachten. Waren Reeperbahnen und kleine Seilereien mit ein oder zwei Beschäftigten noch Ende des 19. Jahrhundert ein nahezu selbstverständlicher Anblick im Stadtbild, gab es bereits Mitte der 1920er-Jahre nur noch 34 solcher Betriebe.
Spielte vor Beginn des Ersten Weltkrieges der Wagenbau bei der Herstellung von Kutschen und anderen Vehikeln eine zentrale Rolle, beschränkten sich die Tätigkeiten eines Wagenbauers nach 1919 mit der Verbreitung motorisierter Fahrzeuge auf Zuarbeiten wie Reparaturen oder den Hufbeschlag der noch eingesetzten Pferde.
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Noch heute sind manche der Handwerksberufe existent, aber der Schuhmacher, der heutzutage in Handarbeit fertugt, tut dies für eine betuchte Klientel, die anderen leben meistens von Reparaturen. Der Schmied,ein Handwerker, der früher Eisenwaren herstellte, Pferde beschlug oder Nägel in Einzelarbeit zurecht schlug, firmiert heute eher als Kunsthandwerker.
Im Gegensatz zur langen und intensiven Ausbildung im Handwerk standen die häufig aus der Not geborenen Berufsfelder im Kleinhandel. Die fliegenden Händler, Zeitungs-, Zigaretten- oder Streichholzverkäufer waren zumeist Ungelernte oder Menschen, die in ihrem Beruf nicht mehr Fuß fassen konnten. In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg prägten häufig Kriegsversehrte das Straße- und Berufsbild, die Kurzwaren oder sonstige Waren des täglichen Bedarfs feilboten. Kleinhändler traten vermehrt in Not- und Kriesenzeiten auf, als die Arbeitslosigkeit hoch war und nicht von einem sozialen Netz abgemildert wurde. In Ermangelung regulärer Arbeit "erfanden" die Menschen sich Betätigungsfelder, um ihr tägliches Brot zu verdienen. Heute dagegen sind die wenigen noch existierenden Formen des Kleinhandels als ordentlicher Wirtschaftszweig organisiert. Zwar sieht man gelegentlich noch Zeitungsverkäufer, diese arbeiten aber fest für größere Firmen. Dass jemand einen Tisch am Starsßenrand aufstellt, um Waren zu verkaufen, ist heute in größeren Ortschaften und Städten so gut wie unmöglich. Bürokratische Hemmnisse, Gewerbeordnungen oder Regelungen der Besteuerung und Sozialversicherung machen das Gewerbe unattraktiv, lediglich auf Flohmärkten und großen Freiluftveranstaltungen oder auf dem Lande findet man noch fliegende Händler.
Wie in keinem anderen Bereich veränderte die Maschinisierung die Arbeitsprozesse in den Fabriken. Die Entwicklung von Maschinen, mit Kraftstoff oder Strom betrieben, erlaubte die Herstellung von Waren in großen Stückzahlen mit wenig Personaleinsatz und letztendlich zu günstigeren Preisen, ein Prozess, der durch die Einführung des Fließbandes und später durch computergesteuerte Maschinen weiter beschleunigt wurde
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Die Arbeit wurde nun nicht mehr in Werkstätten mit einer überschaubaren Anzahl von Kollegen geleistet, sondern in riesigen Fabrikationshallen, in denen Hunderte, gar Tausende beschäftigt waren, was den sozialen Zusammenhalt erschwerte. [...] Auch bei der Herstellung von Nahrungsmitteln haben Rationalisierungsprozesse zum Verlust oder zur Veränderung vieler Berufsfelder geführt. Selbstverständlich gibt es heute noch Bäcker und den Metzger im Fachbetrieb. Aber im Gegensatz zu früheren Jahren, als deren Tätigkeit wichtiger Bestandteil der allgemeinen Nahrungsproduktion war, füllen sie heute Nischen für geschmacks- oder gesundheitsbewusste Konsumenten aus. Die Arbeit des Bäckers leistet heute im Wesentlichen die ungelernet Verkäuferin, die in der Filiale einer Backkette, im SUpermarkt oder na der Tankstelle industriell vorgefertigte Teiglinge aufbackt. Ein spezifischer Aspekt der Lebensmittelherstellung ist die Reinlichkeit. Milchflaschen, die von Hand ausgespült werden, sind heute undenkbar. Auch wenn strenge Hygienevorschriften zur verteuerung der Produktion führen, dürften Konsumenten die Technisierung in diesem Bereich als positiv empfinden. Das Beispiel des Brauereiwesens verdeutlicht, wie technische Entwicklungen Berufe verschwinden und entstehen lassen. Mit der Einführung des industriell produzierten Kronkorkens wurde die Herstellung des Verschlusses aus porzellan, Dichtungsgummi und Draht beendet; die Verwendung von Aluminiumfässern machte den Beruf des Böttchers und den des Pichers, der die Holzfässer mit Pech versiegelte, überflüssig; die Benutzung von Lastwagen verdrängte nicht nur den Beruf des Droschkenkutschers, sondern auch jene des Stallmeisters, des Wagners und des Stellmachers. Diese Berufe verschwanden zwar, doch sie wurden schnell von anderen - dem Lkw-Fahrer, dem Kfz-Mechaniker - ersetzt.
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Natürlich sind auch von den Dienstleistungen die meisten Tätigkeitsbereiche Ausbildungsberufe, aber gerade hier tummeln sich besonders die Selfmademen mit Geschäftsidee und Eigeninitiative. Was sich anhört wie der Lehrsatz des freien Unternehmertums ist in Wirklichkeit häufig das prekäre, aus Not geborene Arbeiten am Existenzminimum. Tätigkeiten, wie Schuhputzer, Scherenschleifer oder Kesselflicker, die als Berufsbild gar nicht existierten, wurden von Personen ausgeübt, die entweder keine berufliche Qualifikation hatten oder deren eigentliche Ausbildung nicht mehr gefragt war, sei es, weil neue Entwicklingen sie obsolet gemacht oder weil in Krisenzeiten kein Bedarf mehr vorhanden war.
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Auch der Kohlenträger ist heute ein Beruf der Vergangenheit. Mit der Umstellung von Kohleöfen auf Gas- und Ölheizung wurde diese Tätigkeit obsolet. In Berlin gibt es heute noch eine Handvoll Betriebe, die ihre Kunden mit Kohlen beliefern. Dagegen hat der mobile Auslieferer, z.B. von Lebensmitteln, in den letzten Jahren in Form des Lieferservices eine Wiederbelebung erfahren, genau wie die "Messengergirls" und Botenjungen heute wieder als (Fahrrad-)Kuriere in den Großstädten unterwegs sind. Der Verkehrspolizist allerdings, in den 1970er-Jahren noch ein gewohnter Anblick, ist heute nur bei Ampelausfällen im Einsatz.
Eng in Verbindung mit dem Transportwesen steht der Bereich Kommunikation und Information. Während manche Zeitungen früher mehrmals am Tag mit neuen Ausgaben erschienen, die eilig von Fahrradboten ausgeliefert wurden, um immer auf der Höhe der Aktualität zu sein, genug heute das Anschalten des Radios oder ein Klick im Internet, um Nachrichten aus aller Welt zu empfangen.
Autorin des Artikels:
Sarah Jost,
studierte Europäische Ethnologie und Geschichte. Sie lebt und arbeitet in Berlin.
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