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Artikel:

Welche Vorteile bietet die Zweisprachigkeit Ihrem Kind?

28.06.2010

 

[...] Umfassende Beherrschung zweier Sprachen führt bei Kindern nachweislich zu einer Verbesserung spezifischer Gehirnfunktionen, wie etwa der allgemeinen Denk- und Lernleistungen, der Kreativität und Flexibilität und der lese- und Schreibfähigkeit. Zudem fördert Mehrsprachigkeit das soziale Bewusstsein, das interkulturelle Verständnis und die Anpassungsfähigkeit und führt damit letztlich auch zu höherer Wettbewerbsfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt. Die Sprache beeinflusst unseren Charakter und unsere Interaktion mit anderen Menschen. Und viele Eltern sind nicht bewusst, dass die Beherrschung zweier oder mehrerer Sprachen nicht nur das Selbstwertgefühl und die Persönlichkeit ihrer Kinder, sondern auch das Bewusstsein für die eigenen kulturellen Wurzeln stärkt. [...]

 

Der kognitive Vorteil der Zweitsprachigkeit

 

Viele Menschen ahnen intuitiv, dass die Beherrschung von mehr als nur einer Sprache uns irgendwie schlauer macht. Diese Annahme wird von vielen Studien bestätig. Im zahlreichen wissenschaftlichen Vergleichstesten zu unterschiedlichsten Themen erzielten die bilingualen Teilnehmer gegenüber den monolingualen die besseren Ergebnisse.

[...]

So lernen Kinder mit einem größeren metalinguistischen Bewusstsein nicht nur schneller lesen und schreiben. Sie sind auch sensibler für Sprachsysteme, die man analysieren und mit denen man sogar spielen kann. Im vergleich zu monolingualen Kinder werden bilinguale sich meist früher darüber bewusst, dass es für ein und dieselbe Sache mehrere unterschiedliche Bezeichnungen geben kann, und sind daher auch in der Lage, sprachliche Zweideutigkeiten zu erkennen. Die Erkenntnis, dass das metalinguistische Bewusstsein die Lese- und Schreibfähigkeit stützt, schlägt sich inzwischen in vielen Lehrplänen nieder, und man versucht, das Sprachbewusstsein der Kinder gezielt zu fördern. Bilinguale Kinder sind hier automatisch im Vorteil.

 

Auch in Tests, in denen es darum geht, wichtige von unwichtigen sprachlichen Informationen zu unterscheiden, schneiden bilinguale Kinder besser ab. Sie können sich besser auf die ihnen gestellte Aufgabe konzentrieren (zum Beispiel die Anzahl der Wörter eines Satzes zu zählen oder zu beurteilen, ob der Satzbau korrekt ist) und lassen sich weniger durch inhaltlich unwesentliche Informationen ablenken. Im schulischen Umfeld wird heutzutage verstärk sprachlich gearbeitet. Gleichzeitig fällt es Schülern durch wachsendes Stress, Leistungsdruck und außerschulische Aktivitäten immer schwerer, sich zu konzentrieren. Ein hohes Sprach- und Textverständnis ist hier von unschätzbarem Vorteil.

 

Wir rekapitulieren: Bilinguale Kinder haben gegenüber monolingualen bestimmte Vorteile, insbesondere im Hinblick auf das metaliguistische Verständnis, die Kreativität und die Fähigkeit, sprachliche Prozesse zu verstehen und zu kontrollieren. Dennoch sollten wir ein paar Dinge klarstellen:

  • Erstens wäre es falsch zu glauben, Bilingualität beeinflusse sämtliche Aspekte der kognitiven Wahrnehmung und Entwicklung.
  • Zweitens beziehen sich alle Forschungsergebnisse ausschließlich auf Kinder, die bereits über sehr umfassende Kenntnisse in zwei Sprachen verfügen. Anders ausgedrückt: Wir sprechen hier nicht von Kindern, die einige einfache Wörter oder Wendungen in einer Fremdsprache aufgeschnappt haben und zum Beispiel auf Englisch bis fünf zählen können. Nur gelegentlich mit einer zweiten Sprache in Kontakt zu kommen (etwa durch eine halbe Stunde Fernsehen oder eine kurze Unterrichtsstunde pro Woche) genügt mit Sicherheit nicht, um die damit verbundenen kognitiven Vorteile zum Tragen kommen lassen.
  • Drittens darf man auch weitere Faktoren nicht außer Acht lassen. So sollte das Kind in ausreichendem Maße Zugang zu Büchern und anderen geschriebenen Texten haben. Lesen im Allgemeinen, egal in welcher Sprache, verbessert das metalinguistische Verständnis. Daher sollten Sie als Eltern unbedingt Texte und Bücher in Ihren persönlichen Lehrplan für Ihr Kind aufnehmen. Wenn Sie es berücksichtigen, wird Ihr Kind von einem frühen Fremdsprachenerwerb in hohem Maße profitieren.

 

Mehrsprachigkeit bereichet das Familienleben

 

Viele der Familien, mit denen wir gearbeitet haben, haben einen mehrsprachigen Hintergrund. Das heißt, in einer der früheren Generationen der Familie gab es ein Familienmitglied aus einem anderen sprachlichen Kulturkreis als dem, in dem die Familie heute lebt. Solche Familien empfinden die Zweisprachigkeit häufig als wichtiges Mittel, diese familiären Bindungen und kulturellen Traditionen zu bewahren. Unabhängig davon, ob die so genannte Einwanderersprache heute noch in der Familie gesprochen wird, legen viele Eltern großen Wert darauf, sie an ihre Kinder weiterzugeben. Mehrsprachigkeit ist für sie häufig gleichbedeutend mit der Wahrung von Familientraditionen und der Kultur des Ursprungslandes. Für die meisten Kinder stellt es schon eine große Herausforderung dar, an einer Familienfeier oder einer kulturellen Veranstaltung teilzunehmen, dabei brav zu sein und still zu sitzen. Wie erst sollen Kinder nachvollziehen können, warum sie an diesen Veranstaltungen teilnehmen sollen, wenn sie noch nicht einmal die Sprache verstehen?

 

Zum Beispiel werden Kinder griechischer Einwanderer, die in Deutschland aufgewachsen sind und kein Griechisch beherrschen, kaum Freude an einem griechisch-orthodoxen Gottesdienst haben, ebenso wenig wie an einem bunten Nachmittag der griechischen Gemeinde des Wohnortes. Die Eltern sind sich bewusst, dass ihre Kinder, wenn sie ausschließlich Deutsch sprechen, bei Veranstaltungen der griechischen Gemeinde immer am Rande stehen und sich verständlicherweise auch wenig dafür interessieren werden.

 

Andere Eltern sind der Auffassung, die Kenntnis der Einwanderersprache sei wichtig für das Selbstbewusstsein des Kindes. Und sie haben Recht! Viele Studien bestätigen, dass Kinder in der Schule bessere Leistungen erzielen - und es auch später im Leben einfacher haben -, wenn sie sich bewusst darüber sind, wer sie sind und wo ihre kulturellen Wurzeln liegen. Viele Studien in den USA haben nachgewiesen, dass Kinder von Einwanderer, in deren Familien die kulturellen Identität gepflegt und aufrechterhalten wird - zum Beispiel in chinesischen oder indischen Immigrantenfamilien -, schulische Herausforderungen und eventuelle Ungleichbehandlungen besser meistern können. Im Gegensatz dazu kann der komplette Verslust der kulturellen Identität zu schulischen Versagen führen. Auch neuere deutsche Studien zur schulischen Integration türkischer Jugendlicher kommen zu dem Ergebnis, dass eine erfolgreiche Integration im deutschen Schulsystem zumeist mit dem Wunsch nach Weiterführung der eigenen kulturellen Tradition einhergeht.

 

Viele Eltern sehen aus nachvollziehbaren Gründen Kenntnis und Pflege der Einwanderersprache als grundlegend dafür an, den Kindern ein Bewusstsein davon zu geben, wer sie sind und woher sie kommen. Diese Eltern sehen in der Sprache ein Mittel zur Stärkung der familiären Bindung und Tradition.

 

Autorinnen des Artikels:

Kendall King und Alison Mackey,

sind Professorinnen für Linguistik an der Georgetown University in Washington. Kendall King ist spezialisiert auf Bilingalität, Alison Mackey auf Fremdsprachenerwerb. Insgesamt haben sie fast 100 Publikationen zu den Themen Bilingualität und Spracherwerb veröffentlicht. Beide haben Kinder, die sie bilingual erziehen.

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Mit freundlichen Genehmigung © Parthas Verlag GmbH 2009
Link: Bücher bei Parthas Verlag Berlin

 

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