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Christliche Häresien - Von der zeit der Karolinger bis zum 12. Jahrhundert
09.08.2010
Die Invasionen der Barbaren führten unter anderem auch zu einer Erlahmung der theologischen Diskurse, de der Klerus vor allem damit beschäftig ist, mit einem großen Bekehrungswerk den heidnischen Aberglauben zu bekämpfen. Erst in der karolingischen Zeit kann wieder die theologische Erörterung aufgenommen werden, und mit ihr bilden sich wiederum Ideen heraus, die für heterodox gehalten werden. Die Frage der Freiheit des Menschen wird im 9. Jahrhundert von dem Theologen Gottschalk wieder aufgenommen, der das augustinsche Denken bis ins Extrem weiterführt und die Prädestination zur Seligkeit wie auch zur ewigen Verdammnis vertritt. Und Claudius, Bischof von Turin zwischen 800 und 820, kommt zu dem Schluss, dass alle heiligen Bilder, die ihnen und den Heiligen gewidmete Verehrung, Wallfahrten und die Autorität des Papstes entschieden abzulehnen seien. Die Theologie der Karolingerzeit ergründet außerdem das Mysterium der Eucharistie. Dem Realismus von Paschasius Radbertus, Abt von Corbie, der in dem Werk De corpore e sanguine Domini (831) die Identität der konsekrierten Hostie mit dem aus Maria geborenen Leib Christi vertrat und ebenso die Identität des Messopfers mit dem Kreuzesopfer, trat Gottschalk entgegen; dieser verglich die Gegenwart Christi im Brot und im Wein mit hypostatischen Union seiner beiden Naturen und wies die Identifikation zwischen den beiden Opfern zurück. Später wird diese Kontroverse wieder aufgenommen von dem Scholastiker Berengar von Tours (gest. 1088), der dabei zu einem spiritualistischen Symbolismus kommt, wonach die eucharistischen Gestalten nur die Erinnerung an die Inkarnation und das Leiden Christi darstellen, aber nach der Konsekration unverändert blieben.
Die Häresien der Westkirche im 11. Jahrhundert
Die Häresien der karolingischen Epoche entstehen meist aufgrund der Lehre einzelner Intellektueller oder einzelner Schulen im Umfeld theologischer Denkgebäude. Da es ihnen nicht gelingt, eine Tradition zu schaffen, die über den Tod des Oberhauptes hinaus fortdauert, gewöhnen sich die Theologen für etwa ein jahrhundert daran, Urteile über die heterodoxen Lehren eher in den Texten der Kirchenväter als in der gegenwärtigen Wirklichkeit zu finden. Aber mit dem 11. Jahrhundert entsteht ein neuer religiöser Eifer, der sich in der Bekehrung zu einem dem apostolischen Ideal näheren christlichen Leben ausdrückt und Laien und Kleriker zur öffentlichen Predigt anspornt, zur Kritik am Lebenswandel des Klerus, alles unter Berufung auf eine manchmal verworrene Auslegung der Heiligen Schrift.
Die ersten Zeugnisse von Häresien in der Westkirche des 2. Jahrtausends werden von dem Benediktiner-Mönch Rodulfus Glaber (985- um 1046) überliefert, der in seinem Geschichtwerk Historiae erzählt, wie um das Jahr 1000 in allen Länder des Westens - abgesehne von Kriegen, Hungersnöten und wundersamen Ereignissen - auch das Aufblühen von Häresien das Ende der Welt habe vorsehen lassen. In diesem Klima der Erwartung konnten Worte des hl. Paulus, die das Auftreten der Häresien mit der Beunruhigung durch das nahe Ende verbinden, neu interpretiert werden [...]
Rodulfus berichtet, dass einige Zeit später ein französischer Bauer mit Namen Leuthard während der Arbeit auf dem Feld vom Schlaf übermannt wurde und träumte, dass ein Bienenschwarm in ihn eindrang, ihm aufforderte, das Kruzifix zu zertrümmern, seine Frau zu verjagen und unter den Bauern die Kunde zu verbreiten, es müsse dem Klerus der Zehnt nicht mehr gezahlt werden. Auf dem ersten Scheiterhaufen, der im Abendland nach dem Jahr 1000 entzündet wurde, fand eine Gruppe gelehrter Domherren der Kathedrale von Orléans im Jahr 1022 den Tod: Sie wurden des „Manichäismus" angeklagt, und der französische König Robert der Fromme (970-1031) ließ sie als Ketzer verbrennen. Sie hatten ausgesagt, sie können die traditionelle Lehre der Dreifaltigkeit, die sie für eine Torheit hielten, nicht annehmen, und ebenso wenig, dass auf Erden begangenen Zügellosigkeiten eine gerechte Strafe nach sich ziehen würde oder dass verdienstliche Werke etwas beitrügen zu einem himmlischen Lohn. Gezwungen, ihre Lehre zu offenbaren, wurden die Angeklagten schließlich hingerichtet. Es wird außerdem berichtet, dass die Domherren, weit davon entfernt, fromme und untadelige Kleriker zu sein, sich für gewöhnlich nachts trafen und die Dämonen anriefen, um sich dann einer inzestuösen Orgie hinzugeben. Die durch einen solch schändlichen Akt gezeugten Kinder warfen sie dann ins Feuer und nahmen ihre Asche ad viaticum zu sich. Es muss hervorgehoben werden, dass zu dieser Zeit die Zeugnisse über Häretiker immer mehr mit amoralischen Handlungen und deren angeblichen Umgang mit dem Teufel angereichert werden.
Von den Häresien zur Kirchenreform
Eine häretische Gruppe ganz aus Laien bestehend, wurde 1028 vom Erzbischof Aribert von Mailand entdeckt. Es handelte sich um eine monastisch-asketische Gemeinschaft, beheimatet in der Burg von Monforte (Piemont), die sich zur Gütergemeinschaft bekannte, sich eine ungewöhnliche Vorstellung von der Trinität machte und behauptete, einen „Pontifex" zu haben, der die Anhänger täglich besuche. Sie pflegten das immerwährende Gebet Tag und Nacht, enthielten sich der Fleischspeisen und ließen sich, wenn sie den nahenden Tod fühlten, von einem ihrer Genossen töten, um den Qualen der Hölle zu entgehen.
Die Welle der Häresien der 1. Hälfte des 11. Jahrhunderts wird von den Chroniken der Zeit wegen der Absage an ein weltliches leben, die sie im Allgemeinen ausdrücken, oft mit dem Etikett des Manichäismus versehen; eines ihrer Merkmale war die geringe Gefolgschaft, und so verschwanden sie nach dem Tod der Gründer wieder rasch. Die Häresien dieser Epoche entstanden innerhalb geschlossener Zirkel, die wenig missionarische Absichten hatten, und waren vor allem Ausdruck einer radikalen persönlichen Lebenswahl. Interessant ist die Feststellung, dass es in der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts keine Nachrichten über die vorangehenden, sondern auch nicht über neue Häresien gibt. Die Grund für dieses seltsame Fehlen in diesen 50 Jahren liegt wahrscheinlich in der Tatsache, dass in dieser Zeit eine beträchtliche Anstrengung für die innere Reform der Kirche stattfindet: Anspruchsvollere Laien und Kleriker konnten in den „Patarern", die sich im Kampf für die Reform der Kirche mit dem Papst verbündeten, eine Antwort auf ihre Forderungen nach Reinigung der Kirche finden (gregorianische Reform).
Die Mailänder Bewegung der Pataria, geführt vom Diakon Ariald und dem Ritter Erlembald, breitete sich rasch in weitere italienische Städte wie Florenz, Brescia, Cremona, Piacenza, aber auch in die Niederlande aus. Die Paterer, die unterschiedlichen gesellschaftlichen Klassen angehörten, klagten vor allem den im Konkubinat lebenden Klerus (Nikolaiten) an oder verurteilten den kirchlichen Ämterhandel (Simonie). Die feurige Predigt der Paterer, die tumultuösen Prozesse, die sie gegen den korrupten Klerus anstrengten, und ihre Weigerung, die Sakramente von unwürdigen Klerikern zu empfangen, führten zum Bruch mit den religiösen Autoritäten und zu wechselseitigen Anklagen der Häresie, sodass schon am Ende des Jahrhunderts der Ausdruck „Paterer" gleichbedeutend war mit Häretiker, und in den folgenden Jahrhunderten wurden verschiedene häretische Bewegungen allgemein als „Paterer" abgestempelt.
Die Häresien des 12. Jahrhunderts
Es war die Enttäuschung der von der gregorianischen Reform geweckten Erwartungen, die im 12. Jahrhundert viele Kleriker, Mönche, aber auch Laien zum offenen und spektakulären Protest gegen das Verhalten des Klerus und die Struktur der Kirche trieb und sogar christliche Dogmen bestreiten ließ. Die Häresien dieser zeit entstanden nicht mehr aus Diskussionen innerhalb der theologischen Schulen, zum Protagonisten wurde jetzt auch das Volk, das den Ruf von Wanderpredigern nach Rückkehr zum apostolischen Leben aufnahm.
Das Konkubinat eines Priesters in Antwerpen veranlasste einen gewissen Tanchelm zur Predigt, dass es nicht notwendig sei, den Kirchenzehnten zu zahlen, und dass von unwürdigen Priestern verwaltete Sakramente nutzlos wären. Berichte der Gegenseite schildern, dass dem Häretiker ständig eine Schar von Waffenträgern und eine Menge von Jüngern folgten und dass es zu einem derartigen Kult um seine Person kam, dass er sich zum Verlobten der Jungfrau Maria proklamierte und seine Getreuen sein Badewasser trinken ließ.
Um das Jahr 1119 begann in der Provence der Gemeindepriester Peter von Bruis mit seiner Predigt; er setzte mit der Kritik der kirchlichen Hierarchie ein und gelangte schließlich zur Ablehnung des Alten Testaments, der Schriften der Kirchenväter, der Heiligenbilder, der Sakramente und der Kirchengebäude. Der Häretiker wurde von der Menge ergriffen, während er Kruzifixe verbrannte, und starb selbst in dem Feuer. Nach seinem Tod hat ein Mönch namens Heinrich die Menge weiter angestachelt mit seiner Verurteilung des korrupten Klerus, der Ablehnung des Sakraments der Ehe und der Betonung der Armut der Kirche. Er gewann viele Anhänger in Frankreich, so dass sogar der hl. Bernhard von Clairvaux auf ihn aufmerksam wurde, der ihn zu einem Treffen aufforderte und ihn dann einsperren ließ.
Die Auseinandersetzung um die Reform der Kirche bis ins Zentrum der Christenheit zu tragen, gelang schließlich dem Kanoniker Arnold von Brescia. Er war schon in seiner Heimatstadt Protagonist im Kampf für die Reform des Klerus; nachdem er sich nach Frankreich geflüchtet hatte, kam es über Arnolds Lehrmeister Abaelard, mit dem zusammen er auf der Synode von Sens (1140) verurteilt wurde, zu einem Zusammenstoß mit dem hl. Bernhard. Arnold ging schließlich nach Rom, wo er versuchte, gegenüber der päpstlichen Autorität die kommunale Autonomie durchsetzen. In seinem Kampf gegen Opulenz und Korruption der römischen Kurie bediente er sich politischer Waffen und der Unterstützung des niederen Klerus und des Volkes; als ihn die Römer aus Furcht von den möglichen politischen Radikalisierung fallen ließen, wurde er eingekerkert und hingerichtet. Trotz des tragischen Endes gelang es seinem Anhänger in Norditalien Gefolgsleute zu finden, die dann in anderen häretischen oder nur rigoristischen Bewegungen wie den Humiliaten aufgingen. [...]
Autor des Artikel:
Enrico Riparelli
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