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Artikel:

Stile und Epochen in der Kunst: Gotik

03.08.2010

 

Als gotischen Stil bezeichnen wir das künstlerische Phänomen, das 1140 zum ersten Mal in Frankreich in Erscheinung tritt, sich in England und Spanien ab dem Ende des 12. Jh. in Deutschland ab dem 13. Jh. und noch später in Italien entwickelt. Im Gegensatz zur romantischen Kunst verbreitet sich die Gotik von einem einzigen Zentrum aus: der Île de France. Die zunächst auf die Architektur beschränkte Bezeichnung wurde von den Kunsthistorikern später auch auf die Bildhauerei, Malerei und das Kunsthandwerk übertragen. Der Begriff „gotisch" (der sich von den Goten ableitet und ursprünglich in der Bedeutung „geschmacklos, barbarisch" verwendet wurde), taucht zuerst negativ notiert in den Schriften des Humanismus und der Renaissance auf. Erst im Zuge der Romantik erwacht insbesondere in Nord- und Mitteleuropa wieder Begeisterung für die Gotik, die mit einer Wiederentdeckung und Aufwertung des Mittelalters einhergeht.

 

Die Entwicklung der Gotik ist eng mit dem Erstarken des Städtebürgertums und des Handels verbunden. Ihr vollendeter Ausdruck ist die gotische Kathedrale. Das schwere Kreuzgewölbe der Romantik wird durch das schlanke Spitzbogengewölbe abgelöst, dessen Gewicht nicht mehr auf den Gewölberippen, sondern auf den Pfeilern ruht. Das massive Mauerwerk weicht großzügigen Fensteröffnungen, die sich zu regelrechten farbigen Glaswänden entwickeln. Das statische, von dicken Mauern getragene Stützsystem der romantischen Architektur bekommt jetzt einen skelettartigen Charakter. Auf diese Weise werden die dem Bauwerk innewohnenden Kräfte, der Schwung der Gewölbe, die tragenden Kräfte des Daches und der Wände in die Vertikale gelenkt. Der Raum wird durch hohe Pfeiler und Spitzbogenarkaden gegliedert. Die aufstrebende Bewegung, die Spannweite des Bogens als raumgestaltendes Element, die Gliederung der Seitenwände sowie die große Fenster tragen zur „Auflösung" des Mauerwerks und zur lichtdurchfluteten Erscheinung des Gesamtbaus bei. Die Wände werden ihrer tragenden Funktion enthoben, und je nach Lichtverhältnissen verändern die großen, farbig verglasten Fenster und Rosetten die Wirkung des Raums. Im Unterschied zu den düsteren romantischen Kirchen spielt das Licht in der Architektur der Gotik eine entscheidende Rolle, da es sowohl direkt als auch im übertragenen Sinne dazu beiträgt, die Konzeption des Baus zu verdeutlichen. Die prächtigen Stufenportale, das Strebewerk, die Fialen, Dachreiter, Giebel und Türme betonen die vertikalen Kräfte und symbolisieren damit das Aufstreben zu Gott. Die Fassaden bieten Platz für Skulpturen, die sich in ihrer Form den hinter ihnen befindlichen Säulen anpassen und somit zu einem Teil der Gesamtarchitektur zu werden.

 

Besonderheiten

 

In seinen Vite beklagt sich Giorgio Vasari darüber, dass aus den „barbarischen Nationen die Architekten jenen eigentümlichen Stil mitbrachten, den wir heutzutage als den deutschen bezeichnen."

 

Beispiel: Gewändefiguren am Königsportal, 1145-55, Kathedrale Notre Dame, Chartres

 

Die Gewändefiguren des Portals werden auch Säulenfiguren genannt, weil sie zusammen mit der Säule aus einem Block gehauen sind. Sie gehören ab dem 12. Jh. zu den wesentlichen Merkmalen gotischer Portale in Frankreich. Die feierliche Strenge der alttestamentarischen Propheten und Königinnen wird durch die äußerst kunstvollen, bisweilen beinahe naturalistisch anmutenden Details (wie zum Beispiel die langen Zöpfe und gelockten Bärte) etwas gemildert. Die Figuren faszinieren durch den Gegensatz zwischen der starken Stilisierung ihrer Form - betont durch ihre strenge aufrechte Haltung sowie den vertikalen, parallelen Faltenwurf der Gewänder - und ihrem beseelten Gesichtausdruck. Die Figuren stehen auf kleinen Sockeln. Die Fußspitzen zeigen nach vorn und es scheint, als suchten sie, trotz der vollkommen aufrechten Haltung, das Gleichgewicht.

 

Beispiel: Kathedrale Notre Dame d'Amiens, Westfassade, um 1220, Amiens

 

Die Fassade, deren Bau unter der Leitung des Architekten Robert de Luzarches begann, wird von einer großen Rosette dominiert, die an den Scheitel des Mittelschiffgewölbes angrenzt. Aufgrund der enormen Höhe des Mittelschiffs befindet sich die Rosette im oberen Teil der Fassade. Der Bereich der Portale wird durch zwei horizontale Bänder (einem Wandelgang und der Galerie des Rois) verbunden. Der höhere Nordturm wurde erst Anfang des 15. Jh. fertig gestellt. Die Fassade ist stark gegliedert, von tiefen Schatten geprägt, mit reichem Dekor geschmückt und mir Skulpturen ausgestattet. Damit steht sie im deutlichen Gegensatz zu der schlichten Strenge des Innenraums. Um die Gesamtstruktur so leicht wie möglich erscheinen zu lassen, reduziert der Baumeister die Breite der Fassade, die im Grundriss nicht mehr, wie in Chartres oder Reims, einer ganzen Spannweite entspricht. Die mächtigen Türme werden von Strebepfeilern gestützt, zwischen denen sich die Laibungen der Portale einfügen.

 

Beispiel: Kathedrale Saint-Étienne, Innenansicht, 1195-1214, Bourges

 

Die Kathedrale von Bourges gehört zu den ersten rein gotischen Bauwerken, die südlich der Loire entstanden. Der breite Grundriss der Kirche weist in Anlehnung an die Kathedrale Notre Dame von Paris insgesamt fünf Schoffe aus. Besonders reich ist die Apsis gestaltet, mit Obergadenfenstern und Chorumgang. Ihre Darstellungen thematisieren vor allem die moralische Autorität des Bischofs von Bourges, der 1202 zum Primas von Aquitanien erhoben worden war, um die katholische Lehre gegen den albigensischen Irrglauben zuz verteidigen. Der Eindruck aufstrebender Leichtigkeit ist nicht zuletzt den schmalen Säulen zu verdanken, die bis zum Deckengewölbe hinaufreichen.

 

Beispiel: Geschichte des Kaisers und Predigt Peters von Amiens, aus dem Roman de Godefroi de Bouillon, 1337, Paris, Bibliothèque Nationale

 

Die Geschichte wird auf sechs Feldern erzählt; ihre Farbgebung und die reiche Ausgestaltung des Rahmens tragen zu ihrer lebendigen Ausstrahlung bei. Die Konturen der einzelnen Figuren sind klar umrissen und heben sich als vornehme und edle Erscheinungen vor dem kostbar wirkenden Hintergrund ab, der den farbigen Kirchenfenstern der Zeit nachempfunden ist. Eine elegante Linienführung und narrative Dynamik beleben die szenische Darstellung.

 

Autorin des Artikel:

Daniela Tarabra

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Mit freundlichen Genehmigung © Parthas Verlag Berlin 2009

Link: Bücher bei Parthas Verlag Berlin

 

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Artikel:

Historische Baukunst: römische Bautechniken

08.06.2010

 

Ziegelstein-Siegel: Fabrikstempel auf Ziegeln und Backsteinen, verwendet vom 1. Jh. n. Chr. bis zur Zeit Caracallas. Wenn der Ziegel nicht wieder verwendet wurde, lassen sich auf Grund dieser Stempel oft Rückschlüsse auf das Entstehungsdatum von Gebäuden ziehen.

 

Opus Caementicium

 

Ein Gemisch aus

  • Kalksteinsplittern,
  • Sand oder Puzzolanerde (Vulkanerde),
  • Splittern aus Stein, Ziegelstein, Marmor oder Travertin.

Das ganze wurde vermischt und in Holzschalungen gegossen. Nachdem das Material sich verhärtet hatte, nahm man es aus der Form. Der Gebrauch des sehr widerstandsfähigen Materials war ab 3. Jh. v. Chr. weit verbreitet für die Gestaltung der Mauerinnenseiten, da sich damit Kurven sowohl auf dem Boden als auch in der Höhe (Gewölbe und Kuppeln) verwirklichen ließen. In den verschiedenen Epochen wurde es auf unterschiedliche Arten verkleidet.

 

Opus Incertum

 

Die älteste Art, das Opus Caementicium zu verkleiden. Es besteht aus pyramidenförmigen Tuffsteinblöcken mit unregelmäßiger Basis, die im Mörtel so angeordnet wurden, dass ihre Breitseite nach außen zeigte. Die Mauer wurde anschließend verputzt. Diese Mauertechnik war in der Zeit zwischen dem 2. Jh. v. Chr. bis zum 1. Jh. n. Chr. üblich.

 

Opus Latericium

 

(von Lateres = an der Sonne gebrannten Ziegel oder Backsteine). Mauerwerk aus gepresster oder geglätteter Ziegelerde mit oder ohne Stroh und an der Sonne Gebrannt (roher Ziegelstein). Diese Technik war schon in Mesopotamien bekannt und wurde von der Römer vom 2. Jh. v. Chr. an bis zur Zeit des Augustus (1. Jh. n. Chr.) verwendet. Danach setzen sich die im Brennofen gebrannten Ziegel durch.

 

Opus Listatum

 

oder Vittatum (von Vitta = Binde). Verkleidung des Opus Caementicium bestehend aus der abwechselnden Übereinanderschichtung von Ziegelsteinen und Tuffsteinblöcken in horizontalen Reihen. Manchmal wechselten sich zwei Reihen aus Ziegelsteinen und eine Reihe aus Tuffstein ab. Dieses sehr regelmäßige Mauerwerk wurde ab Antonius Pius (138-161) verwendet und setzte sich im 4. Jh. n. Chr. besonders unter Maxentius (306-312) und Konstantin (306-337) als die am meisten gebräuchlichste durch. Grund dafür war vielleicht die unzureichende Ziegelproduktion. Das Mauerwerk wurde zum Abschluss verputzt.

 

Opus Mixtum

 

Eine Verkleidung des Opus Caementicium bestehend aus Opus Reticolatum und Opus Latericium, wobei die letzte Technik in den Ecken angewendet wurde, um die Mauer seitlich zu verstärken und Bruchstellen an den Schräglinien vorzubeugen. Es war eine weit verbreitete Technik unter den Flaviern (ab circa 70 n. Chr.), unter Trajan (98-117) und Hadrian (117-138). Die Mauer wurde zum Abschluss verputzt.

 

Opus Quadratum

 

Bei dieser Technik sind große Steinquader aus Tuff oder anderem Gestein in horizontalen Reihen übereinander geschichtet. Die Steinblöcke weisen ein Vielfaches des römischen Fußes (29,6 cm) auf. In der Frühzeit (8. bis 7. Jh.) wurden sie trocken, d.h. ohne Mörtel aufeinander gesetzt und stützten sich durch ihr Gewicht. In der Folgezeit wurden sie mit Eisen- und Bronzeklammern sowie ganz wenig Mörtel zusammengehalten. 

 

Opus Quasi Reticolatum

 

Eine Übergangsform zwischen dem Opus Incertium ind dem Opus Reticolatum. Die Tuffsteinquader sind regelmäßiger aber noch nicht perfekt angeordnet. Diese Technik wurde ab Ende des 2. Jh. v. Chr. bis zum 1. Jh. n. Chr. angewendet. 

 

Opus Reticolatum

 

Bei dieser Mauertechnik wurden pyramidenförmige Tuffsteine mit quadratischer Basis so angeordnet, dass die Spitze in den Mörtel getaucht wurde und die quadratische Basis im 45° Winkel zueinander angeordnet auf der Vorderseite ein Netzmuster bildeten. Die Ecken bestanden aus übereinander gefügten, rechteckigen Tuffsteinblöcken. Diese Bautechnik war ab Mitte des 1. Jh. v. Chr. bis Ende des 1. Jh. n. Chr. üblich, danach setzte sich langsam Opus Mixtum durch.

 

Opus Testaceum

 

(auch Testecea Structura). Eine Verkleidung des Opus Caementicium mit im Ofen gebrannten Ziegelsteinen. Sie wurden in Dreiecke geschnitten und mit der Spitze in den Mörtel getaucht, so dass sie auf der Außenseite hypotenusenförmig angeordnet waren. Das so entstandene Mauerwerk wurde manchmal unverkleidet belassen, wie es auch noch heute üblich ist. Manchmal wies es jedoch in regelmäßigen Abständen Löcher auf, in denen die Klammern der Marmorverkleidung verankert waren. Gelegentlich wurde dieses Mauerwerk auch verputzt. Gebräuchlich ab dem Zeitalter des Augustus wurde diese Technik in der Folgezeit nach und nach von dem Opus Vittatum abgelöst.

 

Autor des Artikels:
Giulio Faulenti
01019 Vetralla / Italia

 

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